
Eine starke Arbeitgebermarke zu schaffen, klingt ungefähr so einfach wie das Erlernen der chinesischen Kalligrafie – mit verbundenen Augen. Unternehmen investieren mittlerweile Unsummen, um als die hippe, progressive und natürlich allumfassend perfekte Arbeitgeberinstanz wahrgenommen zu werden. Schade nur, dass das Employer Branding eigentlich weniger mit Gratis-Smoothies und Sitzsäcken, sondern mehr mit Klarheit, Ehrlichkeit und Werten zu tun hat. Ob das alle verstanden haben, steht allerdings auf einem anderen Blatt – und das ist vermutlich mit teurem Corporate-Branding-Goldrand bedruckt.
Zwischen Schein und Sein: Der ewige Kampf um die Aufmerksamkeit
Jeder will sie, keiner hat sie wirklich: die perfekte Arbeitgebermarke. Mit Buzzwords wie Agilität, New Work oder Purpose werfen Unternehmen heute so wild um sich, dass man meinen könnte, man befindet sich auf einem Online-Phrasen-Basar. In den Hochglanz-Broschüren leuchtet die Welt der Arbeitgeber so bunt, dass HR-Abteilungen vor Farbe kaum noch die Benefits von den Tischtennisturnieren unterscheiden können.
Und dann landet der Bewerber in einem Unternehmen, das nach außen Diversität predigt, aber im Büroflur immer noch den Diversity-Poster-Schmuck aus den Nullerjahren trägt. Willkommen im ‚Authentizitäts-Paradoxon‘: Glaubwürdig wirkt eben nur, wer tatsächlich das lebt, was er für Employer Branding hält – und nicht das, was gerade im Social-Media-Post am meisten Herzchen bringt.
Werte, Kultur und Benefits: Sprich darüber, aber bitte richtig
Die Erfolgsformel lautet nach wie vor: Erzähle deinen potenziellen Talenten nicht nur, wie toll du bist – sondern beweise es. Unternehmenswerte, Unternehmenskultur und Benefits sind wunderbare Themen für Hochglanz-Powerpoints. Doch sie bringen genau nichts, wenn sie im Alltag nicht erlebt werden.
„Wir fördern Work-Life-Balance“, hört man gern am Bewerbungstelefonat. Die Realität? Überstunden sind der neue Normalzustand. „Wir kommunizieren auf Augenhöhe“ bedeutet oft nur, dass sich auch die Praktikantin für die monatliche All-Hands-Präsentation im PowerPoint-Karaoke versuchen darf. So wird Employer Branding schnell zur Selbstparodie.
Employer Branding auf allen Kanälen – Hauptsache laut?
Ob LinkedIn, Karriere-Website oder Jobmesse – überall buhlen Unternehmen lautstark um Talente. Besonders beliebt: Der Beweis, dass der eigene Hund auch ins Großraumbüro darf und die Pflanzen selbstverständlich per Teamabstimmung gegossen werden. Relevante Benefits? Ach, die sollen sich die Talente doch bitte im Vorstellungsgespräch selbst erschließen.
Wirklich wirksame Arbeitgebermarken dagegen verstehen Employer Branding als DNA – und nicht als glitzerndes Flechtwerk aus Instagram-Filtern und TikTok-Tänzen. Sie kommunizieren transparent, was sie (nicht) bieten können, besitzen den Mut, Schwächen offen anzusprechen und setzen tatsächlich auf individuelle Entwicklungsmöglichkeiten – und nicht nur auf den nächsten Yoga-Kurs bei Vollmond.
HR und Marketing: Eine Zweckgemeinschaft – und manchmal eine Tragödie
Die Schnittmenge von HR und Marketing wird für Employer Branding regelmäßig bemüht. HR hat die Mitarbeiter, Marketing die Skills zur Inszenierung – fertig ist die Arbeitgeber-Symphonie? Nicht ganz. Oft agieren die beiden Disziplinen wie zwei Streicher, die völlig unterschiedliche Noten spielen. Das Ergebnis: Jede Menge Kommunikations-Noise, aber wenig nachhaltige Markenbildung.
Die Lösung? Endlich ehrlich zusammenzuarbeiten. Anstatt gemeinsam immer größere Karriereevents zu planen, die ohnehin keiner ernst nimmt, könnten HR und Marketing damit beginnen, echten Dialog mit Talenten zu führen – auf Augenhöhe, mit Substanz und auch jenseits des klassischen Employer-Storytellings.
Wie Unternehmen sich attraktiv positionieren – und es nicht komplett versemmeln
Employer Branding gelingt, wenn nicht nur die Außendarstellung, sondern auch das Produkt – sprich: das reale Arbeitsumfeld – stimmt. Wer als Unternehmen Werte wie Offenheit, Flexibilität und Entwicklung propagiert, muss diese konsequent und kontinuierlich nach innen leben. Talentierte Fachkräfte entlarven Diskrepanzen zwischen Kommunikation und Realität schneller als so mancher CEO die eigene Arbeitszeiterfassung. Wenn Candidate Experience, Feedback-Kultur und Führung zusammenpassen, entsteht Glaubwürdigkeit – und plötzlich klappt’s auch mit der Mitarbeiterbindung, nahezu ganz ohne nervige Werbeclips.
Authentizität und Glaubwürdigkeit: Das neue „Sei einfach du selbst“
Engagierte Talente erwarten mehr als ein Employer Branding, das sich auf die Produktion netter Videos mit wackeligen Handykameras beschränkt. Sie suchen Authentizität – ein Begriff, der im Personalmarketing gern inflationär verwendet wird, aber nur selten Substanz hat. Wer authentisch ist, zeigt auch Ecken und Kanten, lässt Mitarbeiter zu Wort kommen und ist nicht auf der Jagd nach dem perfekten Image. Talentierte Kandidaten spüren schnell, ob ein Unternehmen Integrität besitzt, oder sich nur im Wortnebel der Employer-Branding-Phrasen verirrt hat.
Somit bleibt Employer Branding weit mehr als ein Buzzword: Es ist die Herausforderung, als Unternehmen den Spagat zwischen Schein und Sein, Begeisterung und Bodenständigkeit ehrlich zu meistern. Wer es schafft, sich als Arbeitgeber nicht in austauschbaren Parolen, sondern in gelebter Unternehmenskultur zu zeigen, wird langfristig Talente anziehen – und behalten. Unternehmen, die weiterhin auf banale Benefits und laborierte Trendkampagnen setzen, werden hoffentlich wenigstens ihre Yoga-Kurse und Smoothie-Bars voll bekommen. Die wirklich begehrten Talente aber orientieren sich längst an anderen Werten.
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