
Die perfekte Stellenausschreibung – das Einhorn unter den HR-Täumen. Wer bisher glaubte, dass ein wenig Copy & Paste aus alten Zeiten reicht, ist spätestens jetzt im Jahr 2024 aufgewacht. Sprache, Struktur und Sichtbarkeit sind angeblich das goldene Dreieck, um die crème de la crème der Bewerber zu gewinnen. Doch sind Unternehmen überhaupt bereit für diesen dreifachen Hürdenlauf? Ein ironisch-kritischer Blick in einen Kosmos voller Buzzwords, Copy-Paste-Fallen und offensichtlichen „Benefits“.
Stellenanzeigen als Kunstform: Zwischen Shakespeare und Behördenprosa
Wenn Unternehmen ihre offenen Stellen beschreiben, entsteht selten große Literatur. Viel öfter treffen wir auf das freundliche „Wir suchen dich!“ gefolgt von einer Aufzählung, die klingt, als wäre Excel aus Versehen in Word gerutscht. Zwischen „abwechslungsreiche Aufgaben“ und „dynamischem Team“ könnte man glatt vergessen, dass es eigentlich darum geht, Menschen für den Job zu begeistern. Warum langweilig, wenn es doch auch mit etwas Kreativität ginge?
Sprache: Der feinsinnige Unterschied zwischen „Motiviert“ und „Ausgebeutet“
Stellenanzeigen sind voll von Wörtern, die offenbar aus dem Basar der Floskeln stammen. Begriffe wie „Hands-on-Mentalität“, „Teamplayer“ oder das allseits beliebte „belastbar“ lassen Prüferherzen höher (und Bewerberherzen tiefer) schlagen. Wer möchte sich schon auf eine Stelle bewerben, bei der Flexibilität zwischen unbezahltem Feierabend und gratis Überstunden bedeutet?
Mein Tipp (und der der gesamten Menschheit): Wie wäre es mal mit Ehrlichkeit? Wer wirklich ein „kreatives Genie mit Organisationstalent“ sucht, beschreibt bitte auch ehrlich, welchen Zettelchaoslevel das Unternehmen zu bieten hat. Ehrliche, präzise Formulierungen schaffen Klarheit – und sorgen dafür, dass sich auch die Richtigen bewerben.
Struktur: Die Kunst der Dreigliederung
Viele Unternehmen gehen bei Stellenanzeigen nach dem Prinzip „Je länger, desto besser“. Ergebnis: Ein klassisches „Wall of Text“-Monstrum, das Bewerber entweder in Trance versetzt oder direkt ins nächste XING-Profil weiterklicken lässt. Klar, die 45 Aufgabenpunkte sollen schließlich belegen, dass auf diesem Arbeitsplatz garantiert nie Langeweile aufkommt.
Key-Facts statt Text-Dschungel
Eine moderne Stellenanzeige besteht im Kern aus: Wer wir sind, was wir suchen, was wir bieten. Alles andere lässt sich wunderbar in ein paar Zeilen unterbringen. Stichworte, Aufzählungen und lesbare Absätze ersetzen den Fließtext-Marathon. Wer seine Benefits in mehr als drei Sätzen erklären muss, sollte seinen „Fitnessstudio-Zuschuss“ vielleicht nochmal überdenken.
Die Stellenanforderungen: 110% ideale Welt
Unternehmen wünschen sich weiterhin die eierlegende Wollmilchsau im Maßanzug, natürlich mit mindestens sieben Jahren Erfahrung in einer Technik, die erst seit fünf Jahren existiert. Warum also nicht gleich fordern, dass Bewerber zwischen 18 und 40 Jahre alt, aber mit 30 Jahren branchenspezifischer Expertise auftreten müssen? Weniger ist oft mehr – klare, realistische Anforderungen helfen beiden Seiten. Und ein bisschen Demut gegenüber der Realität schadet nicht.
Sichtbarkeit: Aus dem Schatten ins Rampenlicht
Die schönste Anzeige bringt wenig, wenn sie im Nirvana platziert wird – zum Beispiel auf einem Portal, das nur von pensionierten Buchhaltern aus dem Sauerland gelesen wird. SEO, Social Media, Multiposting: Schlagworte, die nicht nur auf Folien, sondern auch in der Realität wirken können – vorausgesetzt, man investiert mehr als fünf Minuten Vorüberlegung.
Keywords und Struktur für Google – nicht für den Personaler
Google liebt klare Strukturen und prägnante Schlüsselwörter. Ein bisschen Hirnschmalz hilft, etwaige relevante Begriffe natürlich in Titel, Zwischenüberschriften und Fließtext einzubinden. Der Mensch liest mit, aber die Maschine will bedient werden. Zwischen „Vertriebsallrounder (m/w/d) in Berlin“ und „Held der Kundenkommunikation mit abendlichem Bierdurst“ gibt es ein Keyword-optimiertes Happy End – wenn man denn will.
Bonus: Die Benefits-Parade – von Bananen bis Parkplatz
Was mittlerweile fast jede Anzeige verspricht: Benefits, Benefits, Benefits. Dabei ist das Angebot oft so spannend wie eine Rabatt-Aktion im örtlichen Supermarkt. Diesjährige Innovationen: „freie Getränke“ (Wasser trifft auf Filterkaffee), „Obstkorb“ (Bananen, ein Apfel und eine vergessene Birne) oder das „familiäre Betriebsklima“ (ob das gut oder schlecht ist, verrät die Anzeige natürlich nicht).
Wer echte Mehrwerte bietet – Homeoffice, Weiterbildung, Sabbatical-Optionen – darf dies bestmöglich, klar und ehrlich benennen. Alles andere klingt nach 1997 und wirkt genauso inspirierend wie der Pausenraum mit dem alten Kaffeeautomaten.
Fazit? Oder: Wer weiter wie bisher schreibt, bekommt weiterhin die gleichen Bewerber
Wer die Kunst der modernen Stellenausschreibung versteht, bekommt vielleicht tatsächlich mehr als nur Standardbewerbungen. Klare Sprache, schlanke Struktur und strategische Sichtbarkeit sind mehr als nur Buzzwords für den nächsten HR-Workshop – sie sind der Hebel für bessere Kandidaten und weniger Recruiting-Frust. Für alle, die beim nächsten Mal wieder auf Einhörner hoffen: Raus aus der Floskelfalle, rein in die neue Denke – und viel Erfolg, der modernen Wollmilchsau eine echte Bühne zu bieten. Unternehmen, die sich trauen, individuell und mutig zu sein, werden auch in Zeiten des Fachkräftemangels nicht leer ausgehen. Wer nur Kopien schreibt, bekommt auch Kopien als Bewerber.
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