Personalgewinnung im Mittelstand

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Der deutsche Mittelstand ist bekanntlich das Rückgrat der Wirtschaft – oder, wie der Volksmund sagen würde, die Prellbock-Abteilung gegen jede Modernisierungslust. Doch wenn es ums Recruiting geht, zeigt sich, dass Tradition und Fortschritt eine seltsame Symbiose eingehen können: irgendwo zwischen Faxgerät und WhatsApp-Gruppe. Klar, Großkonzerne haben Glastürme und Employer-Branding-Kampagnen, aber der Mittelstand? Der ringt mit Fachkräftemangel, Digitalisierung und – ganz besonders raffiniert – mit sich selbst.

Das Dilemma: Talente, wohin seid ihr alle?

Es ist wie im Märchen: Der Mittelstand sucht dringend die „guten Leute“, die magischen Fachkräfte, die alles können und nichts kosten – am besten sofort und für immer. Doch leider irren diese Talente irgendwo zwischen Berliner Hipster-Start-ups, internationalen Konzernen und Sabbatical-Influencern auf Instagram umher. Die Realität? Während der Mittelstand noch den Praktikanten in Excel-Kursen schult, hat der potenzielle Bewerber längst per App den nächsten Bewerbungssprint durchgeführt – nur leider nicht hier.

Digitale Recruiting-Strategien – auch im Dorf nutzbar?

Selbstverständlich gibt es im Mittelstand die wildesten Visionen vom digitalen Recruiting. Wer Bedarf an Innovation hat, kann ja dem Neffen des Geschäftsführers das Instagram-Passwort geben. Angebote wie LinkedIn und XING werden vorsichtig ausprobiert, aber nach einem ersten Shitstorm wieder gelöscht – Datenschutz, versteht sich. Mit Glück besitzt das Unternehmen dann ein veraltetes Bewerbermanagementsystem, das zuverlässig jede zweite Bewerbung ins Nirwana schickt. Effizienz as usual.

Employer Branding? Schon mal was von Keksen gehört!

Großunternehmen setzen auf Feelgood-Manager, Yoga-Pausen und Influencer-Kampagnen, um Talente zu gewinnen. Der Mittelstand setzt dagegen auf kostenlose Kekse im Pausenraum und das Versprechen, dass man hier noch „eine richtige Familie“ ist. Zwischen Mittagspausen-Gulasch im Gasthaus um die Ecke und dem Handschlag des Chefs soll das Glück wachsen. Nur schade, dass Kulinarik und Bodenständigkeit nicht mal im Lebenslauf erwähnt werden und am Arbeitsmarkt wenig ziehen.

Was Mittelständler wirklich bieten (könnten)

Wenigstens eine kleine Resthoffnung bleibt: Wer im Mittelstand landet, darf sich über kurze Entscheidungswege, echte Verantwortung und wenigstens ein bisschen Innovationsfreiheit freuen – sofern die Chefin das Telefon abnimmt. Flache Hierarchien, maximal ein bis zwei Schranken, bevor die Idee mit einem Stirnrunzeln der Geschäftsleitung beerdigt wird.

Work-Life-Balance und Flexibilität – so 2012?

Während die Konkurrenz längst flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice-Flatrates und Desksharing feiert, schielt der Mittelständler misstrauisch auf die Stempeluhr. Homeoffice gibt es höchstens für die Buchhaltung, und Arbeitszeiterfassung ist nur digital, weil niemand den alten Kuli findet. Dabei wünschen sich selbst motivierte Nachwuchskräfte mehr als die betriebliche Rente und einen Parkplatz vor der Tür. Work-Life-Balance? Im Mittelstand bedeutet das oft: Wer länger bleibt, kann mehr arbeiten!

Der Kreativitätskiller: Verwaltung statt Vision

In Sachen Innovation zeigt sich der Mittelstand gelegentlich experimentierfreudig – besonders, wenn es um neue Formulare geht. Recruiting-Prozesse werden reformiert, verschlankt, optimiert und, wenn es ganz wild kommt, sogar digitalisiert. Die wahre Kunst des Mittelstands besteht aber darin, jede Neuerung mit mindestens drei Prüfschleifen und vier Zuständigkeiten auf ein erträgliches Maß herunterzubremsen. Agilität? Vielleicht nächstes Quartal.

Moderne Tools und alte Zöpfe: Eine Liebesgeschichte

KI im Recruiting, automatisierte Auswahlprozesse, Chatbots – das klingt futuristisch und ist für Mittelständler ungefähr so greifbar wie die Kolonisierung des Mars. So richtig traut man der Sache noch nicht und beruft sich lieber auf das bewährte Bauchgefühl von Frau Müller aus der Personalabteilung. Immerhin kennt die seit zwanzig Jahren jeden Bewerber persönlich. Digitalisierung ist schön – solange sie nicht den Kaffeeautomaten ersetzt.

Retention: Wer bleibt, kennt die Geschichte schon

Hat man erst einmal jemanden gefunden, der dem Mittelstand die Treue schwört, darf sich dieser auf eine ganz besondere Onboarding-Erfahrung freuen. Vor allem dann, wenn die Einarbeitung darin besteht, dass der neue Kollege drei Wochen überflüssige Prozesse kennenlernt und nach vier den ersten Urlaub einträgt. Bindung wird großgeschrieben – nicht zuletzt, weil es teuer und mühsam ist, schon wieder neues Personal zu suchen.

Der Mittelstand ist und bleibt das widersprüchlichste Pflaster der deutschen Recruiting-Landschaft. Zwischen Charme, Kontrollwahn und einer guten Portion bodenständigem Pragmatismus gelingt es gelegentlich tatsächlich, Talente zu gewinnen und zu halten. Vielleicht ja, weil nicht alles durchdesignt und digital ist, sondern manchmal einfach ehrlich, herzlich – und eine Einladung zum Gulasch mehr wert als jeder Influencer-Post. Wer hätte gedacht, dass ein bisschen Authentizität, ein freundlicher Handschlag und gelegentliche Kekse im Pausenraum die Siegerformel zur Personalgewinnung im Mittelstand sein könnten? Wer es nicht glaubt, sollte es vielleicht einfach ausprobieren – was hat man im schlimmsten Fall zu verlieren? Eine Keksdose.

   

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